• Hinter den Kulissen

    Miss Brent

    Miss Harriet Brent liest mit Begeisterung Romane und nichts wünscht sie sehnlicher, als ein Leben zu führen wie die Heldinnen dieser Geschichten. Vor allem Stolz und Vorurteil hat es ihr angetan und so, wie es Jane Austens Leserinnen heute noch tun, träumt auch Harriet von ihrem Mr. Darcy.
    Und dann geschieht im März 1815 das Unfassbare: Soldaten beziehen Quartier in Upper Rivington, ein junger Mann mit schönem Vermögen mietet Edgewater Hall, ein Verwandter erscheint, der Anspruch auf das Anwesen der Brents erheben kann, und sogar ein Fitzhenry Darby erscheint auf einem Ball – für Harriet sieht es so aus, als wiederhole sich die Handlung ihres Lieblingsbuches. Und was sie selbst dazu tun kann, um die Ereignisse stattfinden zu lassen, das will sie gerne tun.


    Leseprobe:

    Miss Harriet Brent

    Ihre Eltern waren für Miss Harriet Brent ein beständiger Quell des Verdrusses; kaum jemand schien ihr weniger geeignet, die Heldin eines Romans zu erziehen, als diese beiden Menschen.
    Mrs. Brent war eine kluge Frau, die sich darauf verließ, dass sowohl Aussehen wie Mitgift ihrer vier Töchter ausreichend attraktiv waren, jeder von ihnen einen passenden Ehemann zu verschaffen. Daher schonte sie ihre Nerven, enthielt sich jeglicher Suche nach geeigneten Kandidaten und erfreute sich ihres Lebens, ohne in unnötigen Sorgen um die Zukunft zu schwelgen.
    Mr. Brent hatte immerhin so viel Klugheit besessen, diese Frau zu der seinigen zu machen. Er war ein rechtschaffener Mann, der seine Nachbarn gerne zu einem Abendessen einlud und sie mit seinen Anekdoten aufs Prächtigste zu unterhalten verstand. Die Eheleute ertrugen sich auch nach bald fünfundzwanzig Jahren ohne größeres Leid, ja, schätzten einander gar und glaubten, es gut mit dem anderen getroffen zu haben.
    Ebenso waren sie höchst zufrieden mit ihren Töchtern, die selten einmal Anlass zu Kummer gegeben hatten, sah man von den üblichen Sorgen wie schwesterlichen Streitereien und Schlendrian im Schulzimmer einmal ab. Dank einer Erbschaft, geschickter Geldanlage und klug ausgewählten Pächtern lebten die Brents äußerst bequem auf Heartfield, das immerhin das drittgrößte Haus in Upper Rivington, Surrey, war. Hilfsbereit, großzügig, heiter und gastfreundlich – so schilderten Freunde und Bekannte die Familie; die Töchter beschrieben sie als eine wie die andere gebildet, gutaussehend und gesittet.
    Doch trotz all dieser Vorzüge war Harriet gelegentlich unzufrieden. Nicht, dass sie von Natur aus dazu neigte, nein. Es war ihre Leidenschaft für Romane, die diese Unzufriedenheit hervorgerufen hatte. Vor allem ein vor zwei Jahren veröffentlichtes Buch hatte es ihr angetan: Stolz und Vorurteil, geschrieben von einer unbekannten Dame, die bereits das ähnlich geliebte Gefühl und Verstand verfasst hatte.
    Mehr als zwei dutzend Mal hatte sie es bereits gelesen und stets legte sie es mit dem Wunsch beiseite, an Elizabeth Bennets Stelle zu sein. Schon beim ersten Lesen kam es ihr vor, als entfalte sich auf den Seiten ihre eigene Geschichte. All das, was Elizabeth begegnete, war ja, was auch sie sich wünschte. Vielleicht hatte sie es zuvor nicht gewusst, das mochte wohl sein, aber mit jeder Zeile stand es ihr klarer vor Augen, was ihr begegnen sollte.
    Dieser Witz, mit dem Elizabeth Mr. Darcys Impertinenz beantwortete, beeindruckte Harriet sehr. Und wie Lizzy dem unsäglichen Mr. Collins einen Korb erteilte! Und dann der erste Antrag Mr. Darcys! Dessen Worte las Harriet stets laut und immer schwankte sie, ob sie ihn erhört oder ob sie ihm dasselbe ins Gesicht gesagt hätte wie Lizzy.
    Einerseits glaubte sie, sie hätte schneller als ihre Lieblingsheldin erkannt, welch ein hervorragender Mann Fitzwilliam Darcy war. Je öfter sie den Roman las, desto mehr bedauerte sie, wie er von Lizzy abgewiesen wurde, nur weil deren Stolz sie blind für seine Vorzüge gemacht hatte.
    Andererseits rezitierte sie Lizzys Replik mit diebischem Vergnügen. Dabei pflegte sie ihr Schlafzimmer zu durchschreiten und mit strengem Blick den Lehnstuhl zu taxieren, der in Ermangelung eines leibhaftigen Herrn herhalten musste. Es fühlt sich großartig an, ohne jeglichen Rückhalt zu erklären, womit der arrogante Mann sich ihre Zuneigung verscherzt hatte.
    Doch nichts tat sich in Upper Rivington. Stets bewegte sie sich im Kreise derselben Menschen, niemand trat in ihr Leben, der ihre Sehnsucht nach Romantik hätte stillen können. Dann, vor wenigen Tagen erst, klagte sie der Mutter ihr Leid: Es fehle in Upper Rivington an Männern von Format und Einfluss.
    Mrs. Brent dachte darüber nach und stimmte ihrer Tochter zu; hier sei es um Lords und Dukes wahrlich schlecht bestellt.
    „Mama, du nimmst mich nicht ernst. Es geht mir nicht um Lords und Dukes. Aber ich bin neunzehn Jahre alt, es wird doch Zeit, dass ich heirate.“
    „Es erstaunt mich, das zu hören. Bislang hatte ich nicht den Eindruck, du habest Interesse daran, einem Haushalt vorzustehen. Vielleicht solltest du dich zur Probe erst einmal verlieben?“
    „In wen, Mama? In wen? Ich kenne unsere Junggesellen doch zu lang, als dass einer von ihnen in Frage käme.“
    „Nicht einmal für unseren Hilfspfarrer könntest du schwärmen? Er ist doch ein hübscher Mann.“
    Harriet seufzte. Mama verstand sie wirklich nicht. „Ich bin auf dem besten Wege, eine alte Jungfer zu werden, wenn wir nicht etwas unternehmen.“
    Mrs. Brent hatte Mühe, ernst zu bleiben. „Es wird Clarissa freuen, zu hören, wie du von ihr denkst.“
    „Sie wird einundzwanzig in wenigen Tagen -“
    „In einem halben Jahr, mein liebes Kind.“
    „Ein halbes Jahr ist rasch vorbei, Mama.“
    Jetzt lachte Mrs. Brent. „Nun, was also wollen wir tun? Vielleicht sollten wir eine Bekanntmachung in den umliegenden Städten aushängen?“
    „Eine Bekanntmachung?“
    „Aber ja. Hübsche Töchter abzugeben, melden Sie sich auf Heartfield.“
    „Aber Mama! Das meinst du nicht ernst!“
    „Wenn du so verzweifelt bist …“
    „Ich wünschte, du wärest besorgter um unsere Zukunft. Es ist doch immerhin deine Aufgabe, uns gut zu verheiraten.“ Harriet verschwieg, dass sie nicht die Absicht hatte, einen Mann zu heiraten, den die Eltern ihr aussuchten. „Aber du scheinst anzunehmen, ein Ehemann fände sich von alleine.“
    „Nun, das nehme ich an, ja. Deinen Vater traf ich auf einer Reise, da war ich dreiundzwanzig. Ich stolperte aus der Kutsche in seine Arme und verliebte mich auf der Stelle in ihn. Ich wüsste nicht, wie das hätte geplant werden können.“
    „Ach, Mama, du erzählst es ständig. Aber das waren andere Zeiten. Und auf Reisen gehen wir zu selten, als dass ich mich auf einen solchen Glücksfall verlassen wollte.“
    „Wir könnten im Sommer nach London fahren. Allerdings nur, wenn du mir versprichst, dort auch den passenden Mann zu finden. Ich möchte ungern Zeit und Geld verplempern.“
    „Mama, du machst dich über mich lustig.“
    „Nur ein wenig, mein Kind. Ich kann nicht glauben, dass ausgerechnet du mit all deinen romantischen Flausen auf die Jagd nach einem Gatten gehen willst, wie es Mrs. Shorts Nichten tun.“
    „Aber nein, das möchte ich nicht. Ich werde niemals anders als aus tiefster Liebe heiraten. Doch du solltest jemanden für uns suchen, wie andere Mütter es auch tun. Dir scheint es vollkommen gleichgültig zu sein, was aus uns wird.“
    „Aber Harriet. Was soll denn schon aus euch werden? Bleibt eine von euch unverheiratet, so wird sie Heartfield erben und ein ruhiges Leben führen. Und heiratet keine von euch, so wohnt ihr gemeinsam hier und streitet euch, bis ihr alt und grau seid. Ihr seid versorgt, wenn es auch keine Reichtümer sind, die wir euch hinterlassen werden. Ich bitte dich, sorge dich nicht. Es wird sich schon finden. Setze dich lieber ans Klavier und übe, das schadet gewiss nicht.“
    Diesen Rat befolgte Harriet; immerhin mochte es sein, sie müsse eines Tages mit ihrem Spiel glänzen, wie es auch Lizzy getan hatte. So sehr hoffte sie, ihr Leben werde ähnlich verlaufen wie das ihrer Heldin, dass sie oftmals wünschte, ihre Mutter wäre mehr wie Mrs. Bennet, deren Lebensinhalt die Verheiratung ihrer Töchter war.
    Auch kam es vor, dass Harriet die finanzielle Sicherheit ihrer Familie bedauerte, die ihren Eltern jene Gleichmut verschaffte, ihre Töchter nicht jedem Mann in die Arme zu werfen, der sich in ihre Nähe bequemte. Sogar an ihrem gutmütigen Vater fand sie etwas auszusetzen: Niemals würde der seiner Jüngsten gestatten, mit der etwas dümmlichen Gattin eines Colonels nach Brighton zu fahren, wie es Lizzys Vater getan hatte. Und so reizend es auch war, von Papa Komplimente zu erhalten, zu wissen, wie stolz er auf jede einzelne seiner Töchter war, so wenig half das doch den nötigen Entwicklungen auf die Sprünge, nach denen es Harriet verlangte.
    Ja, so seufzte sie in mancher Nacht, es war ein Elend, in eine solch nahezu perfekte Familie hineingeboren zu sein. Und weil Harriet eine ehrliche Person war, bedauerte sie zudem, nicht halb so gewitzt und geistreich wie Lizzy zu sein. Doch bekäme sie ihre Chance, träfe sie auf Mr. Darcy, so wusste sie zum Glück jede Antwort der bewunderten Heroine auswendig.

    Eine allgemein anerkannte Wahrheit

    „Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein Junggeselle im Besitze eines schönen Vermögens nichts dringender benötigt als eine Frau. Zwar sind -“
    „Oh, Harriet, bitte!“, rief Clarissa aus, die neben ihrer Schwester im Wohnzimmer saß und einen Riss in ihrem Redingote ausbesserte, „nicht noch einmal diesen Roman!“
    „Aber du liebst ihn, das hast du gesagt!“
    „Ja. Ich liebte ihn sehr, als ich ihn das erste Mal las. Und ich liebte ihn noch, als ich ihm das sechste, ja sogar das siebte Mal lauschte. Es ist eine reizende Geschichte, natürlich. Voller Witz und Ironie. Aber als ich dich bat, mich bei der Arbeit zu unterhalten, da hatte ich an das Klavier gedacht oder an Dorftratsch, doch sicher nicht an den hundertsten Vortrag von Stolz und Vorurteil. Sei versichert, wir alle kennen mittlerweile jede Zeile auswendig. Berichte lieber, was Charlotte gestern erzählt hat. Wie befindet sie sich, wie geht es Lady Milford? Hat sie sich von ihrer Erkältung gut erholt?“
    Doch so leicht war Harriet von ihrem liebsten Thema nicht abzubringen. „Ja ja, es geht ihnen allen hervorragend. Sag, wünschst du dir nicht, du fändest einen Mr. Bingley? Wo du Jane Bennet doch so sehr ähnelst.“
    Die Verwunderung der älteren Schwester war beträchtlich; verblüfft ließ sie ihre Näharbeit sinken. „Ich sei Miss Bennet ähnlich? In welcher Hinsicht denn bitte sehr?“
    „Nun, das liegt auf der Hand: Du bist die älteste von uns, du bist die Hübscheste von ganz Upper Rivington und dazu bist du von äußerst freundlicher Natur. Ganz wie Miss Bennet. Wohin du auch gehst, man ist dir zugetan.“
    „Ich danke dir für deine gute Meinung. Du möchtest mir ein Kompliment machen, das verstehe ich, aber Jane? Kommt sie dir nie ein wenig zu duldsam vor? Und dann Mr. Bingley!“
    „Was kannst du an ihm auszusetzen haben? Er sieht gut aus, hat einnehmende Manieren, ist dazu reich und liebenswürdig und von Herzen gutmütig.“
    „Du wünschst mir nicht wirklich einen Mann, der sich so leicht von seiner Liebe zu mir abbringen lässt?“
    „Aber Mr. Darcy ist sein bester Freund und er vertraute seinem Urteil, das dieser ja im besten Glauben gefällt hatte. Sollten wir unseren besten Freunden nicht vertrauen und ihrem Rat folgen?“
    „Nicht mehr, als wir unserem eigenen Urteil vertrauen sollten. Wenn du dich also in einen Mr. Darcy verliebtest – und ich gehe davon aus, dass du ihn für dich reserviert hast – dann verließest du ihn, wenn ich es dir anriete?“
    „Das ist eine vollkommen andere Situation, möchte ich meinen. Doch natürlich dächte ich über deinen Ratschlag nach und käme ich zum Schluss, du habest recht, so würde ich ihn befolgen, ja.“
    „Und wenn ich dir kurz darauf riete, ihn nun doch zu nehmen, dann tätest du auch das? So wie Mr. Bingley sich hat umherschieben lassen? Ich meine, welcher Frau würde seine Liebe schmeicheln? Erst glaubt er, nicht ohne Jane leben zu können, dann verlässt er sie, weil sein Freund ihm ohne weiteres einreden kann, sie empfände nichts für ihn, und als es jenem Freund einfällt, er habe nichts mehr gegen diese Verbindung einzuwenden, da läuft er artig zurück zu ihr und bittet sie um ihre Hand. Und Jane willigt ohne Zögern ein. Du darfst mir gerne glauben, ich an ihrer Stelle hätte ihn geprüft, bevor ich ihn nähme. Man möchte doch nicht an einen Mann gebunden sein, der so wankelmütig ist.“
    Das Gespräch nahm eine Richtung, die Harriet nicht gefiel; Mr. Bingley als schwachen Charakter dargestellt zu sehen, war nicht, was sie beabsichtigt hatte. Mehr als einmal hatte sie festgestellt, wie gerne sie mit ihm vorliebnähme, sollte sich kein Mr. Darcy in ihrem Leben einstellen. Und zu Clarissa würde ein Mann, der weniger ernst, weniger kühl und weniger bedacht war als sie, sehr gut passen. Das teilte Harriet der Schwester mit.
    „Zu kühl, zu bedacht und zu ernst also bin ich? Und das ändert sich, wenn ich einen freundlichen Hohlkopf heirate? Ich sehe in einer solchen Verbindung nichts als Ärger und Unmut. Lieber wäre mir doch ein Mann, der meine Qualitäten zu schätzen weiß und ähnliche Eigenschaften besitzt wie ich.“
    Die beiden älteren Schwestern verstanden sich gut, doch selten hatte sie über ihre Wünsche an die Zukunft miteinander gesprochen und noch seltener über ihre Vorstellungen von Männern. Clarissa schien stets über diesen Dingen zu stehen, ähnelte darin in ihrer ruhigen Zuversicht der Mutter.
    Harriet war stets die fantasievollere gewesen, verspielter und lebhafter und bis vor einem halben Jahr kaum interessiert an allem, was mit Heirat und Haushalt zu tun hatte. Schnell begeisterte sie sich für Dinge und Menschen, hatte hintereinander weg ihre Liebe zu Stickarbeiten, Porträtmalerei und Klavierspiel entdeckt. Einzig dem Lesen blieb sie von frühester Kindheit an treu: Darin hatte sie die Aufregung gefunden, die in Upper Rivington keine Heimat hatte. Die elterliche Bibliothek war recht gut befüllt und stand den Töchtern ohne Einschränkung zur Verfügung; Sittenverderbliches wie die Romane des Marquis de Sade hatte nie den Weg nach Heartfield gefunden, wohingegen die deftig-derben Abenteuer eines Tom Jones nach Meinung des Vaters dazu dienen mochten, die Töchter vor allzu viel Vertrauen in leichtfertige Herren zu schützen. Sowieso war ihm daran gelegen, sie nicht zu verwöhnten Porzellanpüppchen zu erziehen, sondern zu praktischen Frauenzimmern, die gut für sich und andere zu sorgen wussten, ohne dabei sich selbst zu vergessen.
    In Dingen der Erziehung betrachteten sich Mr. und Mrs. Brent als traditionell und modern zugleich, was ihrer Nachkommenschaft zugutekam, denn ein jedes der Mädchen hatte sich seinen Anlagen entsprechend so gut entwickelt, wie es mit einer klugen Mutter und einem charmanten Vater nur möglich war. Die Eltern hatten Clarissas Zurückhaltung ebenso wenig bekämpft wie Harriets überbordende Fantasie.
    Und nun also sprach Clarissa über ihren idealen Ehemann, weshalb Harriet das geliebte Buch zuklappte und näher heranrückte. „Aber einen Mann zu heiraten, der ebenso ernst wie man selbst ist – klingt das nicht nach Langeweile? Ich sehe euch schon Abend für Abend über den Haushaltsbüchern sitzen und rechnen. Und zur Entspannung lest ihr euch dann Predigten vor. Das möchtest du?“
    Clarissa schüttelte den Kopf. „Wie kommst du nur auf solche Vorstellungen, Harriet? Wenn nicht alles Spiel und Tanz ist, dann muss es Arbeit und Ödnis sein? Ich wünsche mir einen Mann, der sich mit mir über Literatur ebenso unterhält wie über unsere Finanzen, der seine Sorgen mit mir teilt wie seine Freuden. Und der dasselbe von mir erhofft. Ich wünsche mir Harmonie und Einigkeit, Vertrautheit und wahre Freundschaft.“
    „Wo bleibt denn die Liebe bei alldem? Es klingt, als wolltest du dich mit ihm in die Einsamkeit zurückziehen.“
    „Das wäre mein Ideal: Eine Liebe, die so innig ist, dass wir es auch in einer kleinen Hütte im Wald miteinander aushielten.“
    „Dann muss ich sagen, du bist romantischer, als ich es bin. Ich denke, eine Liebe überlebt die Jahre besser, wenn gelegentlich einige Zimmer zwischen dem Gemahl und der eigenen Person liegen.“
    „Ah. Wenn ich auch erstaunt bin, das von dir zu hören, so stimme ich doch gerne zu. Da ich aber einen vernünftigen Mann zu heiraten wünsche, wird es vermutlich keiner, mit dem ich im Wald leben muss. Meine Mitgift und sein Einkommen sollten reichen, uns zumindest ein Cottage in einem Dorf zu ermöglichen. Ein wenig Platz für jeden für uns und Gesprächsstoff in Form einiger reizender Nachbarn sollten für ausreichend Ablenkung sorgen, um die gemeinsamen Jahre erträglich zu gestalten.“
    „Das wiederum klingt sehr bedacht und sehr unromantisch. Ich befürchte, ich werde nicht schlau aus dir.“
    „Vergleiche mich nicht mit Jane, sondern mit Lizzy, dann verstehst du mich besser.“
    Nun lag das Erstaunen ganz auf Harriets Seite. Einige Male schon hatte sie ihre Familie mit der Familie Bennet verglichen und nie wäre sie auf die Idee gekommen, die Rolle Lizzys einer anderen als sich selbst zuzuschreiben. Und so sehr es ihr auch widerstrebte, so sehr musste sie anerkennen, dass Clarissas Anspruch auf diese Rolle so gering nicht war: Sie konnte im charmantesten Plauderton spitzzüngige Bonmots von den Lippen perlen lassen, betrachtete ihre Umgebung durchaus abgeklärt und glaubte dennoch an die Liebe …
    Doch Harriet drängte diese Erkenntnis rasch beiseite: Clarissa war die Ältere, war schöner, ruhiger und zurückhaltender als sie selbst – damit konnte sie niemals Lizzy sein. Und ein Mann wie Mr. Bingley wäre trotz all ihres Widerspruchs genau der Mann, der ihr Frohsinn und Leichtigkeit schenken würde. Es war eigentümlich, wie wenig Clarissa sich doch kannte!

  • Alltags- und Gedankenschnipsel

    Die letzten fünfzehn Monate und Pläne und so und überhaupt

    Es ist vier Uhr nachmittags am dritten Advent und ich bin unglaublich müde – eine Mischung aus meiner Hashi, einem ständig grölenden Teeniesohn, den ich gerne auf dem Mond wüsste, und zu wenig Schlaf.

    Zu wenig Schlaf nicht allein in der letzten Nacht, sondern in den letzten Monaten: Entweder ich habe Rücken und/oder muss mich mit Momo (schwarze Katze, wiegt keine drei Kilo) und Micky (kleiner Hund, wiegt sechs Kilo) um meinen Platz im Bett streiten, während Maxi (großer Hund, hoffentlich endlich nur noch 30 Kilo) schnarcht. Ja, ich sollte die Tiere aus meinem Schlafzimmer verbannen, aber ähm – sie sind sonst sehr, sehr traurig. Und laufen jaulend und jammernd durchs Haus. Reicht, wenn das der Grölsohn tut, der übrigens nächsten Samstag vierzehn Jahre alt wird und dadurch natürlich noch mehr Ansprüche stellt an das, was er darf.

    Und nicht, dass jetzt noch irgendeine der Illusion erliegt, der Jüngere wäre noch immer das liebe Schmusekind, das so intelligent und fleißig und hilfsbereit war – der ist zwölf und ist längst der Nölsohn. Ja, nölen und grölen, das trifft es genau, was ich hier tagtäglich anhöre. Mir steht es ziemlich weit über Kopfhöhe und ich bin sicher, dass – wer nun nicht denkt, wie kann die böse Frau das über ihre armen Kinder schreiben? Öffentlich?? – es einige gibt, die nicken und sich auf die Schulter klopfen, weil sie das hinter sich gebracht haben. Oder andere, die nicken und sich sagen, wie gut es sei, sie sind nicht alleine mit dieser Erfahrung. Und noch andere, die vielleicht nicken, dann zu ihren süßen Kindern schauen und glauben, bei uns wird das aber anders! Und herrje, ich wünsche wirklich sehr, sie mögen recht haben. Ich gönne es allen. Aber so ganz vorsichtshalber solltet ihr euch einen Jahresvorrat an Süßkram zulegen, der euch dann über die ersten Wochen der Frühpubertät hilft! Nur so, für alle Fälle.

    Aber ach, zurück zur Müdigkeit: Sind also nicht körperliche Zipperlein, die mich quälen, dann sind es Sorgen um unsere verdammte Mistwelt (und jetzt sagt mir bitte keine nirgendwo nicht, wie viel besser die Welt doch geworden ist – ja, verglichen mit 1379 ist das korrekt, verglichen mit 2014 halte ich das aber für ein Gerücht). Oder es sind meine Geschichten, die mich wachhalten.

    Weil ich entweder noch ein Kapitel zu Ende schreibe. Oder nach Fehlern suche. Ein Cover baue. Alles in digitale Form bringe. Recherchiere. Korrektur lese. Mir über den Fortgang Gedanken mache. Oder aber – und das ist das Dümmste, Nutzloseste und Selbsterniedrigendste, was eine Autorin tun kann, die Marketing nicht nur nicht beherrscht, sondern es auch fies findet: Man liegt herum und fragt sich, wie andere es schaffen, so viel zu verkaufen, obwohl vieles davon eher nicht das ist, was man selbst lesen oder auch nur schreiben würde. Also windelwechselnde Milliardäre mit Six-Pack und Goodie-Schublade. Oder extrem blutige Moritaten, in denen seitenlang Folterung und Ermordung der weiblichen Opfer beschrieben sind. Oder was auch immer, was dem einen oder anderen hier mitlesenden Snob (ja, nicht mit dem Kopf schütteln, ich weiß schon, hier sind immer einige mit Anspruch zu Besuch gekommen, die mir zu dem einen oder anderen Thema durchaus höchst anspruchsvolle Lektüre zur Vertiefung oder Problemlösung empfohlen haben 😀 )

    Versteht das nicht falsch, ich stehe nun wahrlich weder hier noch vor meinem Spiegel und behaupte, zeitgenössische Literatur mit Ewigkeitsanspruch zu verfassen – dazu bin ich schon viel zu wenig im Hier und Heute verwurzelt – das loves vintage steht ja nicht ohne Grund seit Jahren obendrüber. Weshalb ich zwar hier und heute auf meinem Sofa schreibe, aber das Geschriebene entweder 1900 oder in der Weimarer Republik oder aber demnächst sogar 1815 spielt. Das ist – so viel war von Anfang an klar – niemals nicht mainstreamtauglich. Und ja, ich sehe das Nicken der einen oder anderen (so man hier überhaupt noch hinfindet, nachdem ich meinen Blog so schändlich vernachlässigte), die sich sagt: „Doofe Nuss, das willst du ja auch gar nicht! Du kannst Mainstream nicht und vor allem willst du das nicht, also jammer hier nicht rum!“

    Richtig, recht hast du. Ich wundere mich vielmehr über das, was heute Mainstream ist – entführte Teeniemädchen, die sich nach vollzogener Vergewaltigung in den Täter verlieben … da tu ich mich schwer mit. Noch schwerer mit den Kommentaren zu solchen Büchern, in denen von Romantik und Liebe die Rede ist. Ich bin einfach zu alt dafür, nehme ich an.

    Aber sei das, wie es ist: Trotzdem ich all das wusste, all das gar nicht wollte und von Anfang an sagte, es wäre toll, wenn ich eine Handvoll Leserinnen finde, die so sind, wie all die Frauen, die ich übers Bloggen oder über den Kosmetikladen fand – also witzig, klug, gebildet, warmherzig und auf Zack (was sie für meine mäandernden Schachtelsätze, auf die ich auf dem Blog nicht verzichten mag, quasi als Zugangsintelligenztest für den Kommentarbereich und jetzt übertreibe ich es absichtlich mit Aussage und Satzbau :D), wenn ich also diese Handvoll fände, dann wäre es das für mich schon wert. Doch dann bekam das Ganze irgendwie Schwung, sowohl von innen wie von außen, und auf einmal kam zumindest soviel Umsatz rein, dass es mich aus der Familienversicherung kegelte und ich nun bei der Künstlersozialkasse gemeldet bin. Was ziemlich überraschend war. Und was dann dazu führte, dass ich mich viel zu sehr mit anderen Indies oder Selfpublishern befasste, in Foren mitlas und dann eben nachts schlaflos lag und mich fragte, ob mein Festhalten an dem, was ich wie und wann schreiben will, denn wirklich so verkehrt ist. Zahlenmäßig vor allem in den letzten sechs Wochen bin ich das totale kleine Minilicht, die totale Loserin (Na, ok, das geht noch viel, viel schlechter :D) und was man sich nicht noch alles einreden kann. Ihr kennt mich ja, könnt ihr euch schon denken.

    Dabei zählt doch statt Umsatz für mich etwas ganz anderes: Wenn ich Mails von mir fremden Frauen bekomme, die sich über Emma freuen oder Lily lieben oder wissen wollen, wann es mit Olivero weitergeht. Die sich mitunter als Germanistinnen, Historikerinnen, sogar Buchhändlerinnen entpuppen und damit also die Frauen sind, vor denen ich die größte Angst habe. Schreibend betrachtet: Wie schrecklich, wenn so eine hineinschaut und dann stöhnt und mir mitteilt, was für ein Mist all das ist und dass ich kein Talent hätte! Aber das Gegenteil war der Fall und ich kann gar nicht sagen, wie ich dann hier sitze, die mir gesandten Zeilen ein dutzend Mal lese und heule wie eine Dreijährige, die ihr Wunschweihnachtsgeschenk erhalten hat und noch ein kleines Extra dazu. Ach, Blödsinn, zehn riesige Extras! Das toppte die zwischenzeitlich guten Einkünfte (die dank Amazonangeboten erzielt wurden). Und doch konnte ich das nicht beiseiteschieben, dieses in bestimmten Kreisen wichtige Rangfolgen- und Geldeingangsvergleichen. Was Geld macht, ist gut, ist geil, ist richtig, wer Anspruch an sich selbst hat, ist halt nur neidisch, klein und hat keine Ahnung. Das kann man sich ganz gut anziehen.

    Aber es nutzt auch: Denn dann schaut man sich um, sieht die Nähmaschine beispielsweise, und rechnet nach, wie viel Arbeit man jetzt reingesteckt hat. Da komme ich locker auf achtzig Stunden die Woche. Weil man sich anstecken lässt von dem Größer, Schneller, Weiter. Will ich das ändern? Ja und Nein. Das Schreiben ist ja schon immer Teil meines Lebens gewesen und ich habe Ideen für die nächsten 17 Bücher. Und ich muss Dinge schnell machen, sonst bleibe ich nicht dran. Aber vielleicht musst ich nicht meine gesamte Zeit täglich dafür aufwenden – vielleicht kann ich mal wieder bloggen, mal wieder nähen, irgendwann mal wieder stricken? Wichtig ist die Balance, die sich zu sehr verschoben hat. Da muss ich mich mal wieder zwingen, anderes zu tun. Wohlwissend, dass ich dennoch täglich werde schreiben müssen, um zu schaffen, was ich schaffen will. Als Nächstes eben die 1815-Geschichte einer Miss Harriet Brentley, die dem Roman Stolz & Vorurteil verfallen ist. Und unbedingt erreichen will, Ähnliches zu erleben. Darauf habe ich nun so richtig Lust, aber wie immer frage ich mich, ob ich das kann. Und dann neige ich dazu, mich ganz und gar hineinzustürzen. Und dann, wenn es erscheint, mir einerseits Leserinnen zu wünschen und gleichzeitig Angst vor ihnen zu haben. Dumm?

    So. Mal schauen, ob ich die nächsten Monate besser geregelt bekomme …

  • Alltags- und Gedankenschnipsel

    Offline einkaufen – pah!

    Also, mir darf bitte niemand mehr mit dem armen Einzelhandel kommen, der vom bösen Internet und den gemeinen und dummen Verbraucher kaputtgemacht wird.
    Stoff würde ich viel, viel lieber live kaufen, ebenso Wolle, Schuhe, Wäsche, Hosen, Pullis – das alles und eine ganze Menge mehr. ABER bekomme ich, was ich mir wünsche? Nö. Und das schon sehr lange nicht mehr.
    Es fing mit dem Buchhandel an. Bouvier in Bonn war ungeschlagen mein liebster Ort seit ich denken kann. Jährlich um Weihnachten herum gab einen dicken Wälzer für 5,- DM, in dem sämtliche lieferbaren Bücher des nächsten Jahres vermerkt waren und seit ich 12 Jahre alt war, habe ich jährlich Zeit damit verbracht, in meinen Genres akribisch alles anzustreichen, was ich besitze und was ich haben möchte. Ich habe in meinem (Douglas-) Taschenkalender (kennt doch noch jemand? Was war das Ding beliebt!) eingetragen, wann das eine oder andere herauskommt – nachdem ich mit 14 JA für mich entdeckte, war ich auf der Suche nach jedem Roman, den sie gelesen hatte und das hat Jahre gebraucht, bis ich beispielsweise Arabella fand oder auch nur Udolpho.
    Und dann fuhr ich mit meiner Schülerkarte in die Innenstadt und warf mich vor die Regale von diogenes, insel, Reclam und dtv Klassik – und fand in der Regel auf Anhieb, was ich brauchte. Das änderte sich schon Anfang der 2000er – da war das, was ich wollte, nicht mehr vorrätig, dafür freuten sich der nach Studienrat aussehende Buchhändler oder die lockige Blonde, wenn ich um Bestellung bat. Die ich am nächsten Tag abholen konnte. Wenig umweltfreundlich natürlich und auch relativ teuer: Viermal Fahrgeld zahlen erhöht den Wert eines Buches schon sehr. Und auch zwei Stunden Fahrzeit insgesamt sind ja kein Pappenstiel, aber da war ich noch jung und hatte Zeit in Unmengen vor mir.
    Und dann wurde es schlimmer: Dann waren diese Bücher meist nicht rasch bestellbar und ich musste drei oder vier Tage warten, bevor ich sie abholen können sollte. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich vollkommen umsonst ein zweites Mal in die Stadt fuhr, weil das Buch trotz allem nicht eingetroffen war. Sehr unschön.
    Dann kam Amazon; damit machte mein Bruder mich damals bekannt: Da könne ich jedes Buch eingaben, das ich suche, und erführe sogleich, ob es irgendwo lieferbar sei. Wie geil war das denn? Das war übrigens im Jahr 2000 und ganz vieles, was ich seit Jahren suchte, gab es noch immer nicht. Aber eines fand ich: Frederic und Elfrida.
    Das war meine erste Bestellung und die einzige in diesem Jahr – JA, natürlich.
    Für das Jahr 2001 war es dann – tada! – ebenfalls eine einzige Bestellung: Evelyn Waughs Helena aus dem diogenes-Verlag, die man mir in meinem Buchladen nicht bestellen woltle, konnte, mochte, durfte.
    Aber 2002, da startete ich durch und verdoppelte meine Käufe beim bösen Onlinebuchhändler, der da immer noch kaum anderes als Bücher und Filme und Musik im Angebot hatte. Noch immer fuhr ich zweimal im Monat in die Stadt, um Bücher zu kaufen. Zweimal deshalb, weil ich mit einer Fahrt eben nicht alles bekam …
    Es ging genauso weiter: 3 Bestellungen 2003, 4 2004 (trotz Schwangerschaft bin ich lieber rumgelaufen, als etwas zu bestellen!). 2005 3 (trotz Baby noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben, finden zu können, was ich will, wenn ich brav in der Stadt einkaufe …) und so geht das ewig weiter. Bis ich es satt hatte. Bouvier war dann irgendwann pleite, Thalia bevölkerte alles und oft genug wurden Bestellungen eher ungern entgegengenommen oder abgewimmelt. Einmal hörte ich, ich könne das im Onlineshop bestellen …
    Da habe ich mir dann meinen ersten Kindle besorgt und das frustrierende Thema nach all den Jahren abgeschlossen und bereue es null.
    Damit sind wir ja nicht durch: Es gab wunderbare Wollgeschäfte, die sich nicht halten konnten, weil zum Einen es zu wenig qualitätsbewusste Strickerinnen gibt und zum Anderen, weil sie Knebelverträge und miese Konditionen erhielten, die die Kaufhäuser daneben nicht hatten. Und kaum waren diese Läden weg, gab es in den großen Häusern nix mehr mit Merino-Seiden-Mix von Lang yarns und addi-Nadeln (beispielsweise), sondern nur noch den Schachenmayr-Mist und billige Prym-Nadeln. Weshalb diejenigen, die eben doch qualitätsbewusst sind, nun auf Verdacht hin das schöne rote Garn in der Hoffnung bestellen, es möge bläulich und nicht bräunlich sein. Darüber beklagt sich nun aber die einzige Händlerin, die sich hatte halten können – eine Dame, die null kulant ist, ihr Programm immer weiter auf billig runtergefahren hat und sich ebenfalls weigert, gewünschtes beiseitezulegen. DA will nun niemand kaufen, weil hey, wenn ich eh schon Kompromisse eingehen solln, wenn ich live kaufe, dann möchte ich doch wenigstens freundlich behandelt werden. Aber nicht von ihr, nein, niemals. O-Ton: “Was soll ich Sie hier beraten oder mir die Mühe geben, im Lager nach einer passenden Partie zu schauen, wen Sie es nachher im Internet kaufen wollen?”
    Liebelein, ich stehe hier mit meinem Geld, ich will jetzt stricken, ich habe hier acht Knäuel einer Partie, brauche aber neun und du willst nicht suchen gehen? Gut, ich komme nie wieder.
    Und so geht es jetzt mit den Stoffläden weiter: in Bonn kann ich de facto nun keinen Stoff mehr kaufen.. Ein Jahr lang war ich raus aus der Sache, habe nichts mitbekommen. Drei Geschäfte sind fort – ein günstiges mit toller Auswahl, ein sehr exklusives mit Designerstoffen, eine Filiale vom Kastenholz. Im Kaufhaus ist die Abteilung fast komplett auf Polyesther, Kinderjersey und Quiltstoff umgestellt, beim Stofftänzer gibt es vor allem steife Stoffe und Jersey (wobei da die Dame sehr liebenswürdig war!) und bei Dirk Molly in Pützchen, wo ich letztes Jahr noch jubelte, wie viele erwachsene Stoffe der hat, gibt es eigentlich nur noch Poly, was die ebenfalls sehr liebenswerte Verkäuferin bestätigte. Ja, wo also bekommt die erwachsende Schneiderin, die für sich selbst nähen möchte, noch was her? Von den fünf Onlinehändlern, die das im Programm haben. Und da darf sie sich ärgern, dass aus der Viskosegabardine von von fünf Jahren längst eine Polygabardine wurde, die aber dasselbe kostet.
    Dazu kommen all die anderen Branchen, in deren Läden man von desinteressierten und unfreundlichen Verkäufern auch schon mal hört, das oder jenes, das müsse ich mir halt im Internet besorgen, so was bräuchte ja niemand. Schön, wenn dann die Kundin hinter dir sagt, sie hätte das schon auch gerne gehabt und der dritte enttäuscht verkündet, deswegen sei er doch in die Stadt gefahren. Vier sehr ungewöhnliche Kunden, die weggeschickt werden, um im Internet zu bestellen.
    So, das war sehr lang, aber ich habe mich auch lang genug über das aufgeregt. Und wenn ich all das dann über einen einzigen Händler bekomme, der zudem sehr kulant und sehr schnell und sehr zuverlässig ist, dann bestelle ich das dort. Es hat schon seine Gründe, weshalb amazon so enorm (und angstmachend) erfolgreich ist: Weil er nämlich auch gemerkt hat, woran es hakt.

  • Emma

    Ein Interview

    Für mich ist es jedes Mal wieder ein Fest, wenn eine Leserin mich anschreibt und mir ihre Freundschaft anbietet – vergesst Rang 1, persönlicher Kontakt ist nicht zu ersetzen. Finde ich.

    Und so habe ich auch Manuela kennengelernt, die einige Fragen an mich hatte. Und wie schön: Daraus hat sie ein Interview für ihren Blog gemacht, der zeigt, dass das Leben über 50 nicht vorbei ist (kann ich bestätigen!). Wer dort also einmal stöbern mag, folgt dem Link:

    365 Tage Richtung 60

  • Alltags- und Gedankenschnipsel

    Vor einem Jahr & alle fünf Minuten

    Eine Warnung vorweg: Ich gedenke, hier vor mich hinzunölen, wie es mir gerade einfällt. Entweder klickt die nicht geneigte Leserin jetzt weg oder sie holt sich ein Heißgetränk und macht es sich bequem …

    Es ist ziemlich genau ein Jahr her, da lief ich an einem heißen Sonntag mit dem Großen und den Hunden aufgebracht durch die Derle. Das ist ein wäldliches Naherholungsgebiet wenige Meter von hier, in dem so ziemlich jeder grillt und seinen Dreck rücksichtslos verteilen kann – insofern ist die Derle vielleicht ein passendes Gleichnis zu unserer Welt, wie ich sie gerade sehe: Eigentlich sehr schön und in der Theorie ein Traum, jedoch richten die widerwärtigsten Widerlinge eine solche Sauerei an, dass man lieber woanders wäre und sich zwischen Wut und Hilflosigkeit ergeht.

    Ich lief deshalb aufgebracht durch die Derle, weil der Gatte und ich heftigst gestritten hatten und der Anlass dazu ein nichtiger war. Am Ende dieses Spazierganges war ich noch immer voller Ärger und der Sohn bemühte sich, mich abzulenken – was ungewöhnlich ist, denn dieses Kind ist ansonsten derjenige, der uns alle in anderthalb Sekunden unter die Decke jagt. Er kam auf seltsamen Wegen auf Filme und dann auf Geschichten, die ich doch mal schreiben wollte. Ich könnte ja mal etwas schreiben, worin eine sich ritzende Detektivin nach Jahren in einer Klinik wieder ihr normales Leben aufnimmt und nun den Mörder ihrer Schwester jagt – den bösen Schwager.

    Es war eine hochkomplizierte Story, die der Sohn da entwickelte, und ich begann mich zu fragen, wie schlimm er den Streit wohl gefunden haben mochte, dass ihm ermordete Ehefrauen in den Sinn kamen. Aber gleichzeitig fiel mir etwas ganz anderes ein, nämlich meine Emma. Meine Heldin eines (!) Krimis, die in den Zwanziger Jahren in Bonn ermittelt. Und die mich seit gut zehn Jahren begleitete. Einmal im Jahr schrieb ich zwei oder drei Sätze, ein Mal sogar zwei Kapitel, die ich der Freundin zu lesen gab und die seitdem ebenso einmal im Jahr drängte, ich solle endlich beginnen, das werde gut.

    Aber ich fand Emma zu banal, sie war viel zu sehr das, was man aus den englischen Bücher kennt, die in derselben Zeit spielen: Immer wahnsinnig gut drauf, unglaublich begabt, megamutig und unerschrocken, umwerfend schön und viel klüger als die Polizei. Außerdem alterslos, denn in manchen Serien sind es 33 Bände, die allesamt nicht über das Jahr 1926 hinaus kommen – eine ewig währende Party voller Lords und Luxus. Was sich zwar nett wegliest, aber irgendwann auch nervte. Mich zumindest. Das wollte ich nicht.

    Und dank des Streits und den Ideen des Sohnes wusste ich es dann: Meine Emma ist schüchtern und darf sich entwickeln. Sie darf beides kennen – den (bescheidenen) Luxus und das harte Leben. Und sie muss durch eine persönliche Geschichte überhaupt erst in all das hineinkommen. Es muss eine Serie sein und sie darf vorwärts schreiten. Ja, all das notierte ich mir und am nächsten Tag fing ich an. Noch gar nicht im Klaren darüber, was ich damit anfangen will. Noch nicht einmal überzeugt, ich würde dieses Mal mehr als zehn Zeilen füllen. Aber es lief und floss und alle Überlegungen, die mich umtrieben, lösten sich von selbst. Ich bin ungeduldig, ich gebe nicht gern etwas aus der Hand, ich bringe mir gerne etwas bei, ich bin nicht gerne allzu sichtbar, ich kann nicht gut in eigener Sache verhandeln – also kam für mich eine Suche nach Agentur und Verlag nicht in Frage. Heimlich, still und leise wollte ich meine Emma bei amazon veröffentlichen, es hier einige Male erwähnen und irgendwie hoffen, dass es nur wenige lesen, die sicher wären, es zu mögen. Alles sehr ambivalent, was in mir vorging.

    Zu meiner Überraschung drängte es mich weiter und weiter und weiter. Es war, als hätte man ein gärendes Fass angestochen. In einem Jahr habe ich nun über eine halbe Million Wörter veröffentlicht, wozu ich täglich etwa 1.600 von ihnen zu schreiben hatte – das höchste, was ich an einem Tag tippte, waren 9.800 irgendwas. Schnell und viel ist also kein Problem, aber das war es für mich noch nie. Viel wichtiger ist mir: Ich hätte mir das nicht zugetraut und insofern müsste ich doch jetzt hier stehen und mich großartig fühlen. Oder?

    Wenn ich schreibe oder der Freundin vorlese oder dem Gatten oder eine Rückmeldung einer Leserin (auch männlicher Leserinnen, was mich doch immer sehr freut, zumal der Tenor dahin geht, auch meine Männer seien gut getroffen), dann fühle ich mich auch großartig. Ich bin woanders, kann eine Welt ein wenig gerechter gestalten, kann mich wegdenken.

    Und dieses Wegdenken, das brauche ich mittlerweile. Ich kann diese Welt wirklich nicht verstehen. Es vergehen im Grunde keine fünf Minuten am Tag, in denen ich nicht einmal darauf gestossen werde, warum ich mich so gedrängt und gehetzt fühle. Ich würde auch in einer hoffnungsfroheren Welt schnell und viel schreiben und dafür das Bloggen, das Nähen, das Stricken vernachlässigen. Oder den dämlichen Haushalt! Aber ich hätte nicht das Gefühl, noch schnell etwas schaffen zu wollen, bevor es nicht mehr geht.

    Bevor es auch zwei Gründen nicht mehr geht: Weil meine Romane (noch) in der Weimarer Republik spielen und ich in ihnen nicht ausblende, was real in diesen Tagen geschah. Und weil mein – sanfter – Fokus auf Emanzipation und Kritik an rechtsradikalem Gedankengut vielleicht schon bald nicht mehr so harmlos sein könnten. Wir gehen in solch Riesenschritten zurück, ich kann so schnell gar nicht mithalten.

    Nun kann es sein, dass ich zum Einen wieder einmal in einer leicht depressiven Phase bin und alles schrecklich schwarz sehe, wo es doch nicht mehr als freundlich-anthrazith ist. Möglich, möglich, möglich. Ich habe dreimal minderschwere Depressionen durchlitten, kenne die Anzeichen und bin auch da jemand, der sich nicht gerne helfen lässt und ganz gut damit dealt. Aber dieses Mal?

    Ich bin in der letzten Zeit dazu übergegangen, immer mal wieder ganz besonders liebe und aufrechte Menschen auf facebook stummzuschalten, weil ich all die Realitäten nicht mehr ertragen kann. Gestern sah ich mir das Video einer österreichischen Freundin an. Danach war ich down. Es war eine Rede im österreichischen Parlament. Und nicht der Inhalt allein war es, das, worum der Redner verzweifelt rang, sondern das widerliche Grinsen des Bubis Kurz, der daneben saß und deutlicher gar nicht hätte zeigen können, was er will und was ihn interessiert. Gier und Eigennutz sind ihm ins Gesicht gemeißelt. Ebenso, wie es Spahn und Söder und Seehofer unverdeckt vor sich hertragen.

    Das sind für mich Menschen, die charakterlich dermaßen ungeeignet für JEDES Amt sind, dass ich nicht begreifen kann, wie sie dorthin gelangt sind und weshalb es nichts gibt, was wir dagegen tun können. Und es entsetzt mich – auch hier unabhängig davon, welche politische Meinung jemand vertreten mag, darüber müsste man streiten und sich einigen können nach all den Jahrtausenden der Menschheitserfahrung! – wie wenig sich manche Menschen an dieser Kaltschnäuzigkeit, an dem kalten Egoismus stören. Da ist ja so gerne von kulturellen Werten die Rede … Verdammt noch eins, wer nicht einmal in der Lage ist, dem nach ihm Kommenden die Türe offen zu halten, der sollte von derlei nicht reden. Mit Verlaub, es kotzt mich an, wie miteinander umgegangen wird. Wie selten Autofahrer an einem Zebrastreifen halten, wie wenige hinzuspringen, wenn ein kleines Kind fällt und die Eltern nicht schnell genug heraneilen können, und wie unfreundlich grundsätzlich miteinander gesprochen wird. Wenn überhaupt.

    Aber dann – mir fehlt längst die Kraft, mich einzumischen. Zumal sich das dann auch persönlich ungut bemerkbar macht. Ein stramm Ultrarechter fühlte sich von meinen Worten auf facebook beleidigt und zahlte es mir mit einer Ein-Sterne-Rezension heim. Soll er, alles gut, alles fein. Aber das solche Methoden längst gang und gäbe sind, dass, wer auch nur Menschlichkeit erbittet, stattdessen Nachrichten mit Morddrohungen erhält – das führt zu keinem guten Ende. Sehe ich zu schwarz? Das hoffe ich sehr, ich lasse mich da gerne eines Besseren belehren. Für mich ist der nächste Meilenstein die Wahl in der Türkei. Wenn es dort gelingt, Erdogan abzuwählen, dann blicke ich ein klein wenig hoffnungsvoller nach vorne. Glaube ich daran? Tja …

    Dazu kommen all die anderen Dinge, die mich so begleiten: Die gottverdammten Wechseljahre sind noch immer nicht durch und nein, ich nehme noch immer keine Hormone und man kann noch immer nicht wirklich etwas tun. Drei Monate bin ich regelfrei und blühe auf und dann kommen sie sechsmal hintereinander alle zwei Wochen und ich glaube, zu sterben. Seit fünf Jahren geht das so und das trägt wenig dazu bei, unsere Welt als lebenswert zu empfinden. Alles ganz schön düster und bitter bis hierhin, oder? Aber gleichzeitig setzt bei mir eine Egal-Haltung ein, die sich echter und besser anfühlte, hätte ich keine Kinder, um deren Zukunft ich mich sorge. Beide sind rundum ätzend während eines Großteil des Tages, streitende und zickige Fast-Teenager, die nicht wissen, wohin mit ihrem Testosteron. Woher auch? Wenn Trump und Kurz und Erdogan und wie sie nicht alle heißen, was sie damit anfangen können, woher dann zwei Jungspunde?

    Was mich so niederdrückt, ist vor allem das Gefühl der Hilflosigkeit der Mehrheit gegenüber einer fast schon krankhaft niederträchtigen Minderheit, die sich an jedem bösen Wort, an jeder unmenschlichen Tat in Schadenfreude ergeht. Und doch will ein Teil von mir – wahrscheinlich die Prinzessin im silbernen Kleid – daran festhalten, dass sich alles bald wieder wandelt, das alles wieder gut wird. Deshalb wohl kam nicht nur Emma in meine Welt, sondern auch Lily, die ich die Zwanziger unbeschwerter und lustiger erleben lasse. Die eine märchenhafte Wirbelwindromanze erhalten hat und ein unerschütterliches Selbstbewusstsein. Und als eine Freundin mir schrieb, an ihr hätte sie besonderes Vergnügen gehabt, weil sie an Tucholsky und Kästner habe denken müssen, da war die Welt wieder ganz hell und licht. Wer von euch also zögert, sich dem Schreiben hinzugeben, der sollte jetzt mal loslegen, es reinigt und klärt die Gedanken.

    So, das war es von hier. Nicht so lustig, nicht so schön. Aber vielleicht kommt das ja demnächst alles zurück. Ich sehe zu schwarz und jetzt kommt rosa. Irgendwie so …

  • Alltags- und Gedankenschnipsel

    Die Krone der Schöpfung

    Es begab sich zu Zeiten, in denen Frau Michou noch ein Fräulein H. war, dass eben jenes Fräulein den schwierigsten Kunden kennen lernte. Es war die Krone die Schöpfung. Es war die Krone der Schöpfung im Paradies der Düfte. Es war der Mann in der Parfümerie. Heute ist Vatertag, das mag der Grund sein, weshalb mir heute nach über 22 Jahren diese Geschichten einfallen.

    Nachdem ich mich von der Chefin eines Zweifrauenbetriebes habe ausbeuten lassen, nachdem ich auf einem sowjetischen Kreuzer um Europa geschippert bin, dachte ich, es wäre an der Zeit, meine Zukunft in diesem Beruf zu planen und beschloss, im nächsten Schritt Erfahrungen im Verkauf zu sammeln. Eine bekannte Kette dieser Branche stellte mich ein und schickte mich währen der ersten zwei Monate in eine kleine Stadt, die etwas ländlicher gelegen ist und deren Bevölkerung sich einer Mundart bedient, die ich nur vom Bläck Föss’schen “Buuredans” kannte. Das erleichterte meine Situation dort nicht.

    Der erste männliche Kunde war ein sehr kleiner, sehr zarter, sehr alter Herr, der von mir “Ein Eis, ein Gyros und den Juppi.” wollte. Ich hatte mich brav in meine Unterlagen eingelesen, kannte fast alle Produkte und kam nach knapp fünf Sekunden darauf, was ich ihm reichen sollte: eine Pflegecreme von Monteil, einen Herrenduft von YSL und einen Duft von Joop!. Das lief doch gut; die erste Begegnung mit einem Außerirdischen hatte ich gemeistert.

    Einige Tage später, an einem sehr, sehr ruhigen Vormittag, stand ich mit einer Kollegin am hinteren Ende des Geschäftes, wo wir den Herrenduftständer reinigten und sortierten. Vor dem Laden sahen wir seit einer halben Stunde schon einen jungen Mann, der aufgeregt hin und her, hin und her schritt. Spargeltarzan wäre wohl der passende Ausdruck, um ihn knapp zu beschreiben. Seine sorgfältig gewählte Kleidung verlangt mehr Aufwand: Über das bis zum Bauchnabel geöffnete Jeanshemd legte sich eine um mehrere Größen zu weite Denimjacke, die von den Schultern bis zur Brust mit orangen Applikationen versehen war. Seine im Nacken längeren, blondierten Haare umschmeichelten den hochgestellten Jackenkragen.
    Die Hose, farblich undefinierbar zwischen Schlamm und Matsch, zierte ein schwarzer Ledergürtel, der mit einer handbreiten Schließe in Form eines aufsteigenden Adlers geschmückt war. Den Höhepunkt aber bildeten freilich die Stiefel, welche bis zur Wade hinauf reichten. Auf schwarzem Grund schlängelten sich rote und gelbe Flammen bedrohlich empor. Um seinem Auftritt zusätzlich Kraft und Größe zu verleihen, hatte er Schuhwerk mit Absatz gewählt. Wir konnten unsere Augen kaum los reißen, zumal wir nicht fassen konnten, dass ein Mann seinen Modeenthusiasmus dem kalten Novemberwetter entgegenstellte. Stellt euch unser Entzücken vor, als er endlich sich aufraffte und unser Paradies betrat.

    Ups, die Erinnerungen, die süßen, reißen mich fort. Ich nehme mich zusammen, jetzt! Der gute Junge stürzte nun also endlich auf uns zu, so rasend schnell, dass wir keine Gelegenheit hatten, hinter unserem Tresen hervor zu treten und ihn nach seinem Begehr zu befragen. Er blieb knapp vor dem Parfümständer stehen, blickte sehr angestrengt in all diese Flaschen und murmelte: “Dunn mir mal dat Dracula.” Hä? Meine Kollegin und ich blicken ihn an, blicken uns an und sind wirklich ratlos. Zum einen konnten wir sein heiseres Geflüstere kaum verstehen, zum anderen waren wir spätestens bei Dracula verloren – wie bitte bedient man einen Kunden freundlich, wenn man sich am liebsten grölend am Boden entlang wälzen mag? Aber wir sind Profis, also reichen wir uns nur kurz unauffällig die Hand, drücken sie und verbeißen uns das Lachen. Und hoffen, die Andere möge sich schneller fangen. Der Kelch blieb bei mir stehen.
    Sehr freundlich bitte ich ihn, seinen Wunsch noch einmal zu wiederholen. Er wird nervöser – wie jetzt, ich muss noch mal was sagen? Diesmal spricht er lauter, leider auch schneller: “DunnmermaltDracla.”.
    Würde ich gerne, wenn ich wüsste, woher ich um elf Uhr vormittags einen vorzeigbaren Vampirfürsten bekomme. Heute gibt es derlei an jeder Ecke, aber damals? So ungern ich ihn quäle – und das tue ich wohl ohne jeden Zweifel – ich frage erneut nach: “Ich bin mir nicht sicher, was Sie meinen. Ist es ein Pflegeprodukt oder ein Duft?” Leidende Blicke treffen mich kurz, dann rafft er sich zusammen und erwidert, es sei ein “Ode tolette”.
    “Ist es für Sie oder soll es ein Geschenk sein?”
    “Fürmisch.”
    “Schön. Hmm, wissen Sie, wie die Verpackung aussieht?” Während ich mit ihm quizze, sucht die Kollegin den Ständer ab – vielleicht gibt es doch einen Dracula? Kommt ja kurz vor Weihnachten jeden Tag etwas Neues heraus und trendbewußt scheint er ja zu sein. Aber sie blickt mich nur kopfschüttelnd an.
    “Ja, dat iss esu schwarz und rot.”
    Schwarz und Rot. Kollegin und ich stürzen uns auf die Tester – immerhin gute 200 Stück – und drehen und wenden. Ganz unten greifen wir zeitgleich mit einem triumphierenden Aufschrei nach der selben Flasche, reißen sie hoch und fragen immer noch im Duett: “Meinen Sie vielleicht Drakar Noir?”
    Er wagt kaum auf zu sehen, ganz offensichtlich sind ihm hier viel zu viele Frauen, die ihn peinigen wollen. Aber ein flackernder Schimmer der Wiedererkennens läuft über sein gequältes Gesicht, er will danach greifen, als ihm der Heilige Gral vor der Nase weggezogen wird. Die Kollegin – die sich hier viel besser auskennt – übernimmt: “Was möchten Sie denn haben? Es gibt Eau de Toilette, Eau de Parfum, Duschgel, Körpermilch, Massageöl, Shampoo, Puder, Rasierwasser, Rasiercreme, Rasierschaum oder vielleicht ein Pflegeset mit Naturschwamm?”
    “Duft”
    “30, 50 oder 100 Milliliter?”
    “Klein.”
    “Dürfen wir sonst noch etwas für Sie tun?”
    “…”
    An der Kasse warf er uns aus sicherer Entfernung einen Schein zu und trabte los.
    “Ihr Wechselgeld und ihr Duft!”
    Das Bürschchen stand mittlerweile puterrot bis zum Bauchnabel und leicht transpirierend vor uns – ganz offenbar hatte er seine luftige Kleidung dem Anlass entsprechend gewählt 😉

    Es gibt noch eine Riesenmenge an solchen Geschichten und vielleicht krame ich noch einmal eine heraus. Für heute reicht es mir mit dem Tippen.