Emma Schumacher

Emma Schumacher

Geboren am 31. Oktober 1906 in Bonn

Bücher

Ausgerechnet Bananen

„Ausgerechnet Bananen, Bananen verlang ich von ihm! Nicht Erbsen, nicht Bohnen, auch keine Melonen …“, klang es durch die Arndtstraße 13a früh am Mittwochmorgen. Sybils Sopran schwang sich zu immer erstaunlicheren Höhen auf, während sie in der Wanne plätscherte.
Emma drückte sich ihr Kissen auf die Ohren. Oh bitte! Schlafen wollte sie. In Ruhe! Sybil war mittlerweile von den Bananen abgerückt und forderte ein unbekanntes Du auf, sie doch in Hawaii zu besuchen, da ihr Herzchen frei sei. Emma warf das Kissen durch den Raum und griff sich den Wecker. Gerade einmal sieben Uhr, die Sonne drang noch nicht durch die Dämmerung.

Dass Sybil dieses Lied heraus schmettert, liegt natürlich an seiner unglaublichen Beliebtheit, die sich über Jahre hielt: Aus der Refrainzeile ist längst ein geflügeltes Wort geworden. Sybil tanzt sich also in der ersten Zeit in Bonn durch alle Säle, Hallen und Cafés und mit Sicherheit lief dieses Lied wenigstens dreimal am Abend. Die Melodie stammt ursprünglich aus den USA, wo es allerdings mit einem Text gesungen wurde, der uns heute zu Recht rassistisch anmutet und am besten vergessen wird. Somit stehen die „Bananen“ auch für den wachsenden Einfluss Amerikas auf die alte Welt; immer öfter schwappen Moden, Melodien und Marotten von dort nach hier.
Aber es steckt mehr hinter meiner Liedwahl als diese beiden Gründe. Der Schlagerdichter Fritz Löhner, von dem der Text stammt, ist ein österreicher Jude.
Noch sind die Ressentiments den Juden gegenüber in England und Polen beispielsweise deutlich größer als in Deutschland, wo die Wandlung vom Fremden zum Mitbürger weiter fortgeschritten war, dafür sorgten im 19. Jahrhundert unter anderem Frauen wie Rahel von Varnhagen und Fanny Lewald, in deren Salons die Geistesgrößen der deutschen Länder sich trafen, aber auch einige Gesetzesreformen, die viele Beschränkungen aufhoben, denen die Juden hier unterworfen waren. Und für deutsche Männer jüdischen Glaubens war es genauso selbstverständlich wie für Katholiken oder Protestanten, Kaiser und Vaterland im Krieg zu dienen. Was sicherlich zu dem trügerischen Gefühl der Gleichheit beitrug, das in den Zwanzigern erstarkte.

Als einige Jahre später Hitler es endlich geschafft hat, auf scheinbar legalem Wege an die Macht zu gelangen,  jubelten ihm viele zu, die sich endlich eine klare Linie erhofften. Die meisten dürften geglaubt haben, die ständige Hetzerei gegen die jüdischen Deutschen nähme dann ein Ende, sei gar nicht ernst zu nehmen – auch viel zu viele Juden glaubten das, denn war es nicht mit jedem Jahrzehnt aufwärts gegangen? Und so blieben sie hier, besorgt zwar, aber zuversichtlich. Wie mochte es erst einem Juden im Wien gehen? Sicherlich hat Löhner mit Sorge die Entwicklungen im benachbarten Deutschland betrachtet, aber sich nicht betroffen gefühlt, bis auch in Österreich die Stimmung kippte.

Zweimal war er verheiratet, einmal geschieden. Aus erster Ehe hatte er einen Sohn, mit seiner zweiten Frau zwei Töchter. Einen Tag nur nach dem Anschluss Österreichs wurde er verhaftet und zunächst nach Dachau transportiert. Ein halbes Jahr später nach Buchenwald, wo er bis 1942 blieb.  Er hoffte auf Fürsprache der Leute, mit denen er gearbeitet hatte, doch nichts geschah. Dann folgte der Transport nach Auschwitz, wo er starb – erschlagen, weil er mit fast sechzig Jahren und ruinierter Gesundheit nicht ausreichend arbeitsfähig war für den Geschmack einiger IG-Farben-Direktoren. Während man den Mann vernichtete, spielte man seine Lieder – natürlich, ohne seinen Namen zu nennen. Ob Donna Clara oder Liebe Hans, der etwas mit einem Knie macht oder eben die Bananen – seine Texte sang fast jeder mit.

Auch seine Frau und die beiden Töchter überlebten die Naziherrschaft nicht: Noch vor Löhners Tod wurden sie nach Minsk in das Lager Maly Traszjanez verschleppt, wo sie gemeinsam ermordet wurden. Ob Löhner von dem Schicksal seiner Familie erfahren hat? Man möchte hoffen, dass ihm das erspart geblieben ist.

Wenn Sybil nun also sein fröhliches Lied trällert, dann sind wir ganz in dieser hoffnungsfrohen Zeit, die Freiheiten gewährte, die es seit Jahrhunderten nicht gegeben hat. Doch es weist auch auf die Schrecken, die noch folgen werden.

Emmas Familie

Nicht ganz unwichtig für uns alle ist es ja, wer uns großzieht und in welchen Verhältnissen wir aufwachsen. Dasselbe gilt für Emma, die aus einer bunten Familie stammt, deren Wurzeln in Deutschland, England, Schottland und Frankreich liegen.  Damit nicht genug, waren sowohl ihr Papa als auch der Großvater  und sogar Tante Sybil je zweimal verheiratet – das mag irgendwann einmal eine Rolle spielen, ja nachdem, was mir für Emma einfällt in der Zukunft.

Und damit wir uns das leichter merken und vorstellen können, hat Emma sich die Mühe gemacht, ihre nähere Familie aufzumalen.

Omelette au commissaire

Kommissar Wertheim liebt schlichte, doch schmackhafte Speisen. Soll es schnell und herzhaft sein – und war er am Vortage klug genug, einige gekochte Kartoffeln aufzubewahren! – so gibt es sein Omelett, dass bei Freunden wie Freundinnen gleichermaßen beliebt ist.


Benötigt werden: 3 Eier, 1 Klecks Margarine, geraspelter Käse (eine gute Handvoll), 3 Champignons, 1 große gekochte Kartoffel, 1 feingehackte Zwiebel, Salz, Pfeffer, getrockneter Estragon. Dazu 1 Pfanne, 1 Gabel, 1 Schüssel, 1 Pfannenwender.


Zunächst die feingehackte Zwiebel in der ausgelassenen Margarine glasig dünsten. In der Zwischenzeit die Champignons putzen und in feine Scheiben schneiden, diese zu den Zwiebeln geben. Dann die Kartoffeln in kleine Stückchen schneiden und alles gemeinsam sorgfältig und gleichmäßig verteilen.

Die Eier aufschlagen, mit Salz, Pfeffer und Estragon würzen und verquirlen. Nun den geraspelten Käse unterheben und die Masse über dem Gemüse verteilen. Nicht rühren, sondern kurz auf großer Hitze anstocken lassen. Dann die Hitze stark drosseln, den Deckel auflegen und die Eieruhr auf 10 Minuten einstellen. Jetzt das luftig-duftige Omelett aus der Pfanne gleiten lassen und sofort servieren. Guten Appetit!


 

 

 

 

Polperro, Cornwall

Emmas Abenteuer in Polperro, wo sie mit Großmama und Tante Sybil die Sommermonate verbringt:

Unter ihr lag die Bucht mit dem kleinen Hafen, um den sich Polperro schmiegte. Schmale Häuser aus Granit, manche rau und dunkel, andere weiß getüncht, formten enge Gassen, die vom Wasser hoch zu den Klippen stiegen. Keine Brise wehte vom Meer her; dieser August brachte Sonnenschein und eine drückende Hitze, wie sie in Cornwall selten herrschte. Vor dem späteren Rückweg hoch zum Häuschen graute Emma. Aber besser das, als den ganzen Tag Sybils Klagen anzuhören. Mit langen Schritten spazierte sie die steilen Straßen hinunter, immer wieder anhaltend, um die Aussicht und ihre momentane Freiheit zu genießen.

Polperro war überschwemmt von Sommergästen, die sich durch die Straßen schoben; viele von ihnen auf der Suche nach dem einen Künstler, den sie in London vorführen könnten und der ihren Wohlstand vermehren würde. Und die Maler und Zeichner, die Bildhauer und Töpfer boten sich an, bauten ihre Staffeln an jeder Ecke auf, öffneten ihre Ateliers und spielten die Unnahbaren, die nur ihrer Kunst lebten und den schnöden Mammon verachteten.
Emma schlängelte sich durch die überfüllten Gassen, wich hier einem Stock, dort einem Ellbogen aus und wünschte, sie säße bereits wieder hoch oben auf den Klippen im kleinen Garten. In Menschenmengen fühlte sie sich unwohl und sie atmete auf, als sie den schmalen Laden am Hafen erreichte.

Ägypten

Über eine Illustration im gestern vorgestellten Buch habe ich mich übrigens besonders gefreut, weil sie Bezug zu meiner Geschichte hat:

Bezug weshalb? Der im Titel genannte „verschwundene Professor“ ist zufällig Ägyptologe und Emma träumt davon, das Land einmal zu sehen. Wer weiß, vielleicht wird das eines Tages wahr?

„Bin ich reich genug, eine Dame zu sein?“


So lautet die Kapitelüberschrift eines Buches aus dem Jahre 1928, erschienen also ein bis zwei Jahre, nachdem Emma nach Bonn zurückkehrte. Paula von Reznicek schrieb es unter dem Titel „Die perfekte Dame“ und es beschäftigt sich – mitunter sehr kryptisch und vage – mit allen Themen, die die Neue Frau wohl bewegten: Von Mode bis Sport, von Auto bis Liebesleben – alles wurde auf ein bis zwei Seiten besprochen. Ob es ein hilfreiches Brevier war? Sicherlich nicht mehr und nicht weniger, als es solche Ratgeber heute sind. Was aber damals wie heute gefällt, sind die wunderbaren Skizzen und Zeichnungen in diesem Buch.

Da aber das Thema „Dame“ sicherlich auch in Emmas Leben eine Rolle gespielt haben dürfte und sie dieses Buch in zwei Jahren auch lesen wird, lasse ich Frau Reznicek selbst zu Wort kommen: Gehörte zum Damesein unbedingt Geld? War die Dame eine, die nichts tat, als sich die Nägel zu polieren und Dienstboten zu tyrannisieren?


Bin ich reich genug, eine Dame zu sein?

Ein Refrain, der immer wiederkehrt – zu keiner Zeit ausstirbt und zur Schlagermelodie der Frau geworden ist.
Welch ein Irrsinn! Bin ich reich genug, erotisch, musikalisch oder religiös zu sein? Die Dame hat mit Reichtum erst in zweiter Linie zu tun – und die Allerreichste der Welt kann alles andere eher, als eine Dame sein.
Geld erleichtert – ist nervenberuhigend, angenehm, aber es entscheidet nicht. Manieren und Geschmack, Intelligenz und Instinkt, Gepflegtheit und Liebenswürdigkeit ersetzen oft materielle Vorteile oder gewinnen leicht solche.
„Wie pflege ich mich ohne Geld?“ fragte neulich eine Schöne – und die prompte Antwort einer noch weniger Begüterten, aber bedeutend reizvolleren jungen Dame: „Versuchen Sie`s mal mit Seife, Kamm und Nagelschere …“
Eine wirkliche Dame ist nicht arm – eine echte Dame kommt auch mit Wenigem aus, eine große Dame hat immer ihren Kreis, der ihr beisteht, immer ihre Freunde, die ihr helfen.
Aber eine Talmidame, die nur scheint und nicht ist, die nur imitiert und kopiert, die nur äußerlich und nicht innerlich gedeiht, wird und kann nie reich genug sein, um das zu werden, was sie erhofft und nie erreicht …


Tja, sind wir jetzt schlauer? Und liegt es nicht nah, auf den Namen der Autorin und die damit sicherlich verbundene gehobene Stellung zu zeigen und sich zu fragen, ob sie überhaupt wusste, wovon sie sprach?

Paula Stuck von Reznicek, wie sie sich nach ihrer zweiten Heirat nannte, war ein geborenes Fräulein Heimann und die Tochter eines Bankiers, allzu viel Armut dürfte sie nicht gekannt haben, hochadelige Standesdünkel aber ebenso wenig – wichtiger wird es werden, dass zumindest ein Elternteil jüdischer Herkunft ist.
Interessant ist, dass ihr Buch, das sie gemeinsam mit ihrem ersten Mann, einem Freiherrn von Reznicek, geschrieben hat, heute noch als interessantes Zeitdokument gilt, weil es eines sehr deutlich zeigt: Die Veränderung des weiblichen Selbstbewusstseins – das zeigt auch das oben zitierte Kapitel, in dem sie Frauen das Wissen um ihre Erotik zubilligt (ein Thema, das sich durch das Buch zieht). Auch die Illustrationen zeigen diesen Wandel deutlich.

Paula selbst übrigens auch, denn sie lässt sich von ihrem ersten Mann scheiden, heiratet ein zweites Mal und auch diese Ehe wird geschieden – wer wen weswegen verlassen hat, habe ich in beiden Fällen nicht herausfinden können. Allerdings darf sich auch die heutige Frau noch wundern: In Paulas Wikipedia-Eintrag wird den Gatten durchaus nicht wenig Raum gegeben. Wir erfahren, dass ihr erster Mann Sportreporter und Präsident des Deutschen Tanzverbandes war (und finden auch heraus, dass er sich allein dadurch wohl noch keinen eigenen Wiki-Artikel verdient hat) und lernen auch über ihren zweiten Mann, den Rennfahrer, so einiges. Sie hingegen wird in Quellen, die von Hans Stuck sprechen, kaum erwähnt – in einer Randnotiz erfährt die Suchende, dass Hitlers Vorliebe für den blonden und hochgewachsenen Herrenfahrer ihr das Leben gerettet haben dürfte.

Doch nicht nur die Tatsache, dass sie zweimal verheiratet und zweimal geschieden war, machte eine moderne Frau aus ihr: Sie spielte in der Tennisweltrangliste, errang einige Meistertitel und machte sich dann als Schriftstellerin und  Journalistin (bei Der Dame, einer  Zeitschrift, die einflussreich und prägend wirkte und vor einigen Monaten zumindest einmal neu und hochpreisig neu aufgelegt erschien) einen Namen und zwar einen solch guten, dass sie nach 45 von Erich Kästner nach München geholt wurde. Außerdem muss sie zu irgendeinem Zeitpunkt als Krankenschwester gearbeitet haben – der Verdacht liegt nahe, dass das in einem der beiden Weltkriege gewesen sein dürfte. Liest man mit diesem Wissen über ihr Leben das Kapitel oder gleich das ganze Buch erneut, dann verschiebt sich die Wahrnehmung doch sehr, nicht wahr?


Die perfekte Dame gibt es übrigens als Nachdruck für einige Cent und allein der Bilder wegen lohnt es sich, wenn man die Zwanziger liebt. Mehr über Paula findet sich bei Wikipedia, viel ist es allerdings nicht. Wer mehr über sie weiß – ich wäre sehr interessiert und freue mich über einen entsprechenden Hinweis.

Emma Schumacher im Oktober 1926

Wie stelle ich mir Emma vor?

Am 31. Oktober 1926 wird sie ihren 20. Geburtstag feiern (d.h. falls sie bis dahin noch Gelegenheit zum Feiern hat …) und ich habe mich umgeschaut, ob ich die junge Dame aus meiner Vorstellung irgendwo im weiten Netz finden könnte. Und in Ansätzen war ich erfolgreich, vor allem bei diesem Bild, das von einer Broadway-Sonderausgabe des Life Magazine stammt. Genauso könnte Emma am Bahngleis stehen und wer das Buch lesen oder gelesen haben wird, weiß, dass sie dazu reichlich Gelegenheit bekam. Was wäre geeigneter für die Fahrt als ein bequemes Kostüm, das unempfindlich gegen Schmutz und Knitter ist? Und was brächte ihre roten Locken besser zur Geltung als ein grüner Hut?


Emma ist schüchtern, zurückhaltend und unerfahren.

Doch im Jahre 1926 konnte sich das rasch ändern: Selten zuvor hatten Frauen so viele Möglichkeiten, ihr Leben zu gestalten, und nie zuvor hatte Freizeit einen so hohen Stellenwert wie in diesem Jahrzehnt. Ist es also ganz und gar ausgeschlossen, dass auch Emma eine neue Seite an sich entdeckt? Eine verspielte, neckische und vielleicht gar verführerische Seite? Nun, geben wir ihr ein wenig Zeit und schauen, was die nächsten Monate und Jahre bringen.


Oh làlà – bahnt sich hier etwas an?

Es schwirren ja einige junge Herren um Fräulein Schumacher herum, was sich als gar nicht so amüsant herausstellt, wie sie annahm. Es kann im Gegenteil sogar ausgesprochen anstrengend sein, wenn man mit beiden zugleich einen Stadtbummel durchstehen muss. Vielleicht sind es nur Träumereien, vielleicht entwickelt sich mehr, vielleicht auch nicht.

Leseprobe

Ich sitze an den letzten zwei oder drei Kapiteln, danach geht es an die Korrektur, die Überarbeitung und den letzten Feinschliff. Obwohl – das ist nicht ganz richtig, denn ich wechsele stetig zwischen Weiterschreiben und Verbessern. Beim Schreiben entwickele ich meine Geschichte und stelle die Figuren an einen Platz, mit dem sie klarkommen müssen und ich bin jedes Mal gespannt, wie sie das wohl schaffen. Wer auch schreibt, erkennt es sofort: Ich bin keine, die plottet …

Ob es dennoch funktioniert, könnt ihr anlesen: Die ersten beiden Kapitel gibt es jetzt und hier als Leseprobe (pdf):

Emma Schumacher und der verschwundene Professor

Emmas Leseliste

Natürlich liest Emma. Sie liest mit Begeisterung und so kann es nicht ausbleiben, dass sie gerne über Bücher spricht, sich austauscht und empfiehlt. Als sie nun nach Bonn zurückkehrt, um nach ihrem Vater zu suchen, liest sie die folgenden Romane oder erinnert sich an sie:


Da ist – natürlich, möchte ich bald sagen – Elizabeth von Arnim, die 1898 ihren ersten Roman veröffentlichte und in den nächsten vierzig Jahren sehr unterschiedliche Themen aufgriff, die sie größtenteils humorvoll verarbeitete. Doch unter dem Witz liegen mitunter bitterböse Beobachtungen.

Verzauberter April ist 1926 zum ersten Mal auf deutsch erschienen und ist eine Geschichte, die sich an einem Sommertag ebenso wie im Winter lesen lässt; entweder um die Jahreszeit zu genießen oder aber um sie herbei zu sehnen. Vier Frauen unterschiedlicher Herkunft teilen sich eine Villa in Italien und eine jede kam aus einem anderen Grund, wenn auch immer die Liebe eine Rolle spielt. Liebe, die zu viel oder zu wenig vorhanden ist, die ersehnt oder verflucht wird.


Als Emma von einer heftigen Erkältung ins Bett gezwungen wird, ist sie nicht allerbester Laune. Ein klein wenig hilft es, dass alle Welt ihr Leckereien und Lektüre vorbeibringt. Vermutlich war es Tante Tinni, die ihr Jane Austens Emma auf den Nachttisch legte. Man ahnt es schon: Emma war das Lieblingsbuch ihrer Mutter.

Im Gegensatz zu Emma Schumacher ist Emma Woodhouse selbstbewusst und gerade heraus. Gerne steht Miss Woodhouse im Mittelpunkt und ist zuversichtlich, dass ihr Urteil das unbedingt richtige sein muss. Eigenschaften, die Emma gerne hätte … wobei: Auch Fräulein Schumacher ist in ihren Aussagen direkt. Immer dann, wenn sie spricht, ohne es zu beabsichtigen, was ihre Mitmenschen oft verwundert.

Jane Austen lässt ihre Heldin reifen, lässt sie unangenehme Erfahrungen durchleben, die ihr übertriebenes Selbstvertrauen mindern. Die Gesellschaft, wie Emma sie sieht und arrogant zu ordnen wünscht, erweist sich als tiefer und oberflächlicher zugleich, als sie glaubte.


Die Buddenbrooks führen ihren Verfall über vier Generationen vor und Thomas Mann zeigt sein Können in gewundenen Sätzen und detailreichen Beschreibungen – beides Eigenschaften, die heute in Romanen unerwünscht sind. Dabei sind es gerade diese Stilmittel, die den Roman zum Klingen bringen, ihn in das 19. Jahrhundert versetzen und seine Figuren so plastisch machen. Als Leserin muss man sich einlassen, das ja, aber dafür belohnt er uns mit Toni und Grünlich.

Emma zumindest hat vor allem die Szene beeindruckt, in der Grünlich Toni seinen Heiratsantrag wahrhaftig entgegenschmettert und fühlt sich im passenden Moment unpassend daran erinnert.



Nachdem Emma an Grünlich dachte, musste auch Mr. Collins vor ihrem geistigen Auge erscheinen – ebenso ungebeten natürlich. Der Landpfarrer bittet seine Cousine Elizabeth Bennet mit soviel Feingefühl und wohlklingender Rhetorik um ihre Hand, dass er auf immer unvergessen bleibt. Es ist bis heute ein Wunder, dass alle Welt von Elizabeth und Mr. Darcy spricht …

Nun, über diesen Roman muss wohl nicht viel gesagt werden: Es ist nur sehr oberflächlich gelesen eine Romanze. Viel beeindruckender sind  die Wortmelodie, die schnellen Dialoge und die Ironie, die sich durch alle Seiten ziehen.


Auf Emmas Noch-zu-Lesen-Liste steht dieser Krimi von Agatha Christie, der 1926 der erste große Erfolg für die junge Autorin wurde.

Roger Ackroyds große Liebe ist tot und die Umstände sind verdächtig. Doch bevor er etwas unternehmen kann, wird auch er ermordet. Niemand anderer als der größte Detektiv aller Zeiten bemüht seine grauen Zellen, um einen verzwickten Fall zu lösen.

Bislang las Emma keine Kriminalromane, aber nachdem ihr Leben so viel aufregender abläuft, wird sie James‘ Empfehlung beherzigen und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie von nun an jede Neuerscheinung Agatha Christies mit Ungeduld erwarten wird.


Von Zeit zu Zeit stelle ich Bücher vor, die ich – und Emma ebenfalls – gerne gelesen habe. Ein Klick auf das Titelbild bringt dich zur Amazonseite des Buches. Diese Links sind Affiliates, was bedeutet, ich bekomme einige Cent, solltest du das Buch über diese Verbindung kaufen. Und dafür bin ich sehr dankbar, denn jeder Cent ist eine Minute mehr, die ich schreibend verbringen darf.

Emma Schumacher

Emma kam am 31. Oktober 1906 auf diese Welt. Diese Welt, das bedeutete für die Tochter eines deutschen Ägyptologen und einer englischen Adeligen das Bonn der Kaiserzeit, einer recht reichen Stadt mit einer renommierten Universität, vielen Pensionären und viel Natur um sich herum. Keine sich weit ausdehnende Stadt, doch eine, deren Ursprünge zwei Jahrtausende zurückreicht und in der die Streitereien kleiner und großer Herrscher immer rasch Auswirkungen zeigten; egal, ob es sich um Deutsche (oder was man aus der heutigen Sicht als Deutsch empfinden mag) und Franzosen handelte oder um Katholiken und Protestanten. Oft war Bonn gestürmt und besetzt, niedergebrannt und zertrümmert worden, doch noch immer stand es. Und auch seine Bürger standen gut da, wenn man nicht eben das Pech hatte, der Unterschicht mit ihren Tagelöhnern, Dienstmägden und Knechten anzugehören. Ein selbstbewusstes Bürgertum, das weder der höheren Bildung noch dem Handel abgeneigt war, bestimmte die Geschicke der Stadt.

Und aus solch einer bürgerlichen Familie stammte Emmas Vater her. Man hatte es zu einem gewissen und soliden Wohlstand gebracht; ein Haus in der Arndtstraße 13a bewohnte die Familie, zu der außerdem die Schwester des Professors zählte, deren Unterhalt man sich leisten konnte.

Emmas Mutter hingegen, deutlich jünger als ihr Gatte, kam aus dem englischen Landadel; auf einer ihrer Reisen, die sie gegen den Willen ihres Vaters unternahm, lernte sie den Professor kennen und blieb in Bonn, um nach einigen kinderlosen Jahren Emmas Mutter zu werden.

Emma wuchs heran, glücklich, zufrieden, geliebt. Der Erste Weltkrieg brach aus; auch in Bonn war er gegenwärtig. Oft gab es Luftalarm, doch nie, nicht einmal, fielen Bomben, nur selten war Feindflieger zu sehen. Die Versorgung der Bürger mit Nahrungsmitteln war schlecht und zu allem Überfluß brach auch die Spanische Grippe aus, die viele Opfer verlangte. Auch Emma steckte sich an und wochenlang schwebte sie zwischen Leben und Tod. Endlich, kurz vor ihrem 12. Geburtstag, erholte sie sich langsam. Ihre Mutter suchte an Schmuck zusammen, was sie finden konnte und machte sich am 31. Oktober 1918 auf den Weg in die nahe Innenstadt, wo sie Zutaten für Emmas „Geburtstags- und Genesungskuchen“ eintauschen wollte. Sie bekam alles, was sie benötigte und freute sich, ihrer Tochter einen herrlichen Tag zu bereiten.

Wieder ertönte der Fliegeralarm, als sie eben den Friedensplatz überquerte; keiner der anderen Passanten schaute auch nur in den Himmel – längst hatten sich die Bonner daran gewöhnt, den Alarm zu ignorieren. Doch an diesem Tag verirrten sich einige englische Flieger und warfen die erste und einzige Bombe auf Bonn. Emmas Geburtstag war der Todestag ihrer Mutter.

Nach Kriegsende gab der Professor die Tochter zu seiner Schwiegermutter nach England; so sehr hatte diese darum gebeten und ihm dargelegt, wie ungeeignet ein alter Mann für die Erziehung einer jungen Dame sei. So wuchs Emma in London und Edinburgh heran, wo ihre Großmutter ein Haus besaß, das ihr Bruder ihr überlassen hatte. Und sehr beschützt lebte sie, die Freiheiten der Zwanziger erfuhr sie nur durch Zeitschriften und Bücher.

Emma war eine zierlich-schmale Person mit langen, dunkelroten Locken, sicherlich nicht hässlich und vielleicht sogar hübscher, als sie selbst es erkennen konnte. Aber still, schüchtern und zurückhaltend war sie und es ist nicht klar, ob sie so ruhig war, weil sie überall ein wenig fremd war oder ob sie sich überall fremd fühlte, weil sie eine in sich gekehrte Persönlichkeit besaß. Doch ihre mitunter linkische Schüchternheit sollte nicht täuschen: Ihre Gedanken waren alles andere als unkritisch, mitunter fällte sie rasche Urteile zuungunsten ihrer Mitmenschen. Wessen sie sich oft genug schämte. Was wiederum oft zu fleckig-roten Wangen führte – ihr ständiges Erröten quälte Emma. Vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb sie meist zu Boden schaut, als aufrecht ihre Meinung zu äußern. Nicht, dass sie zu Widerspruch und Störrischkeit erzogen worden wäre; eine Dame bemüht sich stets, ihre Gedanken zu verbergen und ihre Gefühle ebenso. Doch Emma kommt nach ihrer Mama, was sie noch nicht entdeckt hat. Erst kurz vor ihrem 20. Geburtstag beginnt ihre Reise zu sich selbst.

Über die Autorin

Hinter Emma stecke ich, Andrea Instone: Weder in meinen Zwanzigern noch rotgelockt. Doch zögerlich, schüchtern, neugierig, kritisch, launisch, hilfsbereit, spontan und organisiert war auch ich in diesen Jahren. Seitdem hat sich viel getan; so ging und geht es uns ja allen im Leben.

Ich bin 1968 in Bonn geboren, bin hier großgeworden und kehrte nach einigen Jahren des Gondelns und Suchens zurück. Nun lebe ich hier mit einem Gatten, zwei Söhnen, zwei Katzen und zwei Hunden, stricke, nähe, lese und schreibe. Letzteres seit 2007 auf meinem Blog Michou, der sich vor allem mit Handarbeiten und meinen Gedanken zu Politik, Feminismus, Alltag und überhaupt allem befasst, das mir am Herzen liegt. Wer also mehr über mich wissen will, den lade ich gerne in mein virtuelles Wohnzimmer ein.